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Die Sache mit der Menstruation.

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„Ich bin keine Feministin.“ Diesen Satz hättet ihr noch vor ein paar Jahren von mir gehört, weil ich alles, was damit zu tun hat, total überzogen und willkürlich fand. Meine Zeit auf Twitter hat mich eines Besseren belehrt. „Ich bin Feministin.“ erzähle ich heute jeder*m, die*der es wissen will. Vorbei die Zeiten, in denen ich mich habe unterbrechen lassen, um mir von jemandem die Welt erklären zu lassen. Vorbei die Zeit, in der ich im Club hingenommen habe, wenn mir jemand an den Hintern fasst. (Naja, ich hab ja auch echt nen kurzen Rock an und es ist sehr voll und ich bin auch ECHT nah an ihm*ihr vorbeigegangen.) Ich benutze Gender-Sternchen inzwischen aus Überzeugung und nicht, weil ich keinen Stress will.

Umso wütender macht mich, was in den letzten Tagen auf Twitter passiert. Seit einigen Tagen dreht sich in meiner Timeline alles um Menstruationstassen und Menstruation an sich. Ja, stell dich drauf ein, darüber werde ich jetzt schreiben. Ich bin SO WÜTEND. Ich habe mir angewöhnt, meine Klappe zu halten wenn in meiner Timeline irgendwelche stressigen Themen behandelt werden, einfach damit ich es mir selbst ein bisschen einfacher mache. Aber selbst Leute die mir am Herzen liegen, fangen an, rumzutrollen und dummes Zeug von sich zu geben. Ich kann meinen Senf da einfach nicht mehr raushalten. Ich erzähle euch gleich mal eine kleine Geschichte, aber erst gibt es ein wenig Hintergrund zur Menstruation. Seit Jahrhunderten werden Menschen mit Menstruation aus der Gesellschaft ausgeschlossen, wenn sie menstruieren. Im Mittelalter galt das Menstruationsblut als unrein, während ihm in der Antike magische Kräfte (die natürlich negativ besetzt waren) nachgesagt wurden. Frauen waren keine eigenständigen Wesen, sondern eine Art „unfertiger Mann“, bei dem es nötig war, monatlich das überflüssige Blut (das beim Mann übrigens „gekocht und als Samen ausgeschieden wurde“) loszuwerden. Erst letztes Jahr starb in Nepal eine Frau, weil sie während ihrer Periode, wie es die Tradition verlangt, allein in einer Hütte war. Warum? Traditionell bringt es Unglück über die Familie, jemand, der menstruiert bei der Familie bleibt. Lasst euch das mal kurz auf der Zunge zergehen.

Klar, es kamen die Zeiten der Aufklärung und die Welt wurde schlauer, aber seit Anbeginn der Zeit ist die Periode ein Tabuthema. Das hat nichts mit „Intimsphäre“ zu tun, wie manche uns gern glauben machen wollen. Es hat damit zu tun, dass wir in einer Welt leben, die von Männern gemacht ist. Jaja, ich nehme das vorweg – #notallmen. Spart es euch, ich weiß, es gibt immer Ausnahmen von der Regel. Aber leider ist es ja so, dass der Großteil der Regierenden, „in charge“-Menschen, Wissenschaftler, Biologen, etcpp Männer sind. Deshalb bäh, geht weg!

Ich habe das Glück, dass ich mit einer großen Schwester und einer sehr aufgeklärten Mama aufgewachsen bin. Mir macht meine Periode keine Angst, und ich ekle mich auch nicht davor. Mich hat sie oft gestresst, bis ich sie dann irgendwann mit der Pille in Schach gehalten habe. Mein erster Freund und ich hatten eine Fernbeziehung, und ich habe die Pille immer durchgenommen, damit ich an den Wochenenden, die wir uns gesehen haben, zur Verfügung stehen konnte. Darum geht es scheinbar. Als Frau hast du Frau zu sein. Rasierte Beine, keine Dehnungsstreifen, straffe Brüste, knackiger Hintern und BITTE KEIN BLUT IRGENDWO. Die Vagina ist nur da, um Dinge hineinzustecken und maximal ein Baby rauszupressen, über andere Dinge wollen wir bitte nicht informiert werden. (Es sei denn, du bist eine Frau mit Penis, dann hoffe ich für dich, dass du da niemals ein Baby durchdrücken musst.)

Meine Periode war einfach immer da, als ich noch die Pille genommen habe. Das erste Mal so richtig damit beschäftigt habe ich mich damit, als ich die Pille abgesetzt habe und plötzlich keinen regelmäßigen Zyklus mehr hatte. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie genau man seinen Körper im Auge behalten kann. Es ist ja auch nicht so, dass wir drei Tage bluten und dann ist gut. Nein, es kommen eine Woche schmerzende Nippel dazu, die dich schon mal drauf vorbereiten, dass du bald unrein bist. Die Haut rastet komplett aus, die Haare werden fettig und plötzlich ist man weit entfernt vom Idealbild „Frau“. Dann kommt die Menstruation, meistens mitten in der Nacht oder dann, wenn du gerade in einem wichtigen Meeting sitzt. Bei mir kündigt sie sich nicht durch Schmerzen an, sondern legt fröhlich einfach los und dann, wenn es zu spät ist um sich vorzubereiten, legt mein Uterus los mit Krämpfen. Ich meine nicht Krämpfe, ich meine K R Ä M P F E. Teilweise liege ich morgens erst mal zwanzig Minuten im Bett, bis die Ibuprofen wirkt. Und dann die Sache mit der Hygiene: Tampons. Binden. Tassen. Alles habe ich ausprobiert. Tampons haben mich viele Jahre begleitet, weil sie am praktischsten erschienen. Alles bleibt drin, man schmeißt den lästigen Tampon danach weg und wenn man nach einer Woche Wattestäbchen in seine Muschi schieben eine Reizung hat, ist das halt so. Geht ja nicht anders. Muss ja irgendwie funktionieren. Klar macht man Müll und klar kann man TSS bekommen, aber das ist auch vielleicht nur ein Mythos und man wechselt ja auch alle drei Stunden in der komplett ausgetrockneten Flora einfach alles. Ok, aber wenn der Freund jetzt dran will? Was sagt man denn da? Man will ihn ja nicht verschrecken und er soll einen ja auch noch sexy finden und überhaupt, muss der eigentlich wissen, dass ich menstruiere?

Ja Freunde. So ging es mir mein Leben lang. Letztes Jahr habe ich jemanden gedated, bei dem ich zum ersten Mal übernachten wollte, als ich meine Tage hatte. Natürlich sind die wieder ganz plötzlich gekommen. Kacke! Wir kennen uns ja noch nicht so lange, was MACHE ich denn jetzt? Couragiert durch meine No-Bullshit-Politik aus dem Jahr 2016 habe ich dann gesagt „Äh du, ich hab meine Tage, darf ich trotzdem kommen?“ Und ehrlich Freunde, ich hätte komplett okay gefunden, wenn er nein gesagt hätte. Ehrlich gesagt habe ich das sogar erwartet. Schließlich konnte ich nicht performen. Meine Ladyparts waren ihm in dem Moment nicht zugänglich, also was soll er mit mir? Was hat er gesagt? „Hä, spinnst du? Klar!“ und er hat nicht mal erwartet, dass ich mich „um ihn kümmere“, wie man so schön sagt. Das war das erste Mal (ich war 29!) dass mir irgendwie der Gedanke kam, dass dieses ganze Tabuisieren der Menstruation eine Lächerlichkeit sondergleichen ist.

So. Jetzt zum Thema. Menstruationstassen. Ich benutze meine seit einem Jahr und LIEBE sie. Meine Freundin Inka hat mit ihrem Mann den Tassenfinder entwickelt, damit jeder Mensch die für sich passende Tasse finden kann. Großartiges Gadget, Leute. Umso wütender macht es mich, wenn ich so eine Scheiße lesen muss:

Ehrlich Brudi? Du vergleichst Bilder, die einem unaufgefordert von Schwänzen geschickt werden (übrigens gern mit dem Kommentar “Geiles Bild” o.Ä.) mit einer der natürlichsten Sachen der Welt? Endlich ist die Monatshygiene revolutioniert, ich kann nachts durchschlafen ohne Angst zu haben, morgens in einer Blutlache aufzuwachen und du vergleichst das mit sexueller Belästigung? Menstruationstassen und Menstruation haben NICHTS mit Sex zu tun. Nur weil du (und ich sage du, stellvertretend für alle Menschen, die deiner Meinung sind) nicht handhaben kannst, dass ich (und ich sage ich, stellvertretend für alle Menschen mit Menstruation) nicht 24/7 für deine sexuellen Wünsche zur Verfügung stehe, nimmst du mir das Recht, mich darüber zu freuen, dass ich eine Menstruationstasse benutzen darf? Ich will das nicht mehr. Ich will niemand sein, der nur als Objekt der Begierde angesehen wird und alles, was vielleicht in anderen Augen nicht sexy ist, totschweigen muss. Rate mal? Ich habe auch Dehnungsstreifen und meine Beine sind nicht ständig glattrasiert. Manchmal vergehen Wochen, in denen ich keine Lust habe, meinen Körper in einen für dich akzeptablen Zustand der Paarungsbereitschaft zu bringen. Trotzdem muss ich mir reinziehen, wie Männer sich vor meiner Nase an eine Straßenecke stellen und da hinpissen. Das ist schließlich das natürlichste der Welt, oder? Dass ich keine Lust habe, Menschen beim Verrichten ihrer Notdurft anzugucken interessiert doch auch keinen. Aber warte mal was los ist, wenn ich mal nen roten Blutfleck am Hintern habe, weil MEIN KÖRPER ÜBRIGENS OHNE MEIN ZUTUN Blut verliert. Fast noch schlimmer als solche Tweets finde ich übrigens Frauen, die in die Bresche springen. EVERYBODY BLEEDS. Ob es jetzt aus meiner Vagina oder dem Schnitt im Finger ist, geht dich gar nichts an. Und ob ich jetzt free bleeder bin, meine Monatsblutung mit ner Kaffeetasse auffange oder mir gegerbtes Rindsleder in den Schlübber stecke, kann dir auch einfach echt egal sein. Nichts davon hat dich zu anzuwiedern. Menstruation sollte einfach kein Tabuthema sein. Zieht die Köpfe ausm Arsch, macht eurer Perle ne Wärmflasche und streichelt ihr*ihm den Unterbauch, wenn es ihr*ihm schlecht geht. Kauft ihr*ihm Tampons und Buscopan Plus, wenn sier vor Schmerzen nicht laufen kann. Gebt ihr*ihm nen Moment, wenn sier weinen muss, weil die Katzenbabies keine Mama mehr haben. Aber egal was ihr tut – akzeptiert bitte endlich, dass wir Menstruierenden nicht da sind, um euch zu gefallen. Meine Fresse.

Hoch die Tassen.

Disclaimer: Ich meine mit meinem Text alle Menschen mit Menstruationshintergrund. Es liegt mir fern, menstruierende Männer auszuschließen — bitte fühlt euch mit eingeschlossen. Ich habe den Beitrag, nachdem ich darauf hingewiesen wurde, abgeändert. Ich möchte nochmal in aller Deutlichkeit klarstellen, dass ich die Leute, die ich damit cis sexistisch offended habe, nicht absichtlich, sondern aus Unwissenheit falsch benannt habe. I see you and I’m on your side.

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