Halt.

Ich möchte was sagen. 

Ich hab echt schon viel über seelischen Schmerz und Beziehungen geschrieben. Über Einsamkeit, Traurigkeit, Hilflosigkeit, Abgründe und Angst. Das Gefühl, komplett allein zu sein auf der Welt. Diese Motivationslosigkeit, die sich morgens auf deine Brust setzt und dich zwingt, im Bett zu bleiben bis es sowieso zu spät ist. 

Darüber, wie es ist, nichts zu fühlen und darüber wie es ist, alles zu fühlen. Das alles ist immer aus einer sehr egoistischen Perspektive geschehen. Natürlich, hier geht es ja auch um mich. 

Aber wisst ihr, worum es bei einer psychisch kranken Person und ihrem/seinen Partner auch geht? Um den Partner. 

“Ich bin so unzufrieden, nichts macht Sinn, ich stecke fest, alles tut weh. Ich brauche einen Freund.” Diesen Satz habe ich neulich gehört und wurde ein wenig grantig. Vielleicht, weil ich kürzlich auf der “Partner”-Seite, wenn man es so nennen will, war. Ein Partner kann vieles. Er kann dich stützen, hinter dir stehen, dafür sorgen, dass du dich sicherer fühlst. Für dich da sein, deine Einsamkeit verdrängen und dein Bedürfnis nach Abstand verstehen. Er kann dir immer wieder versichern, dass alles gut wird. Dass ihr cool seid. Dass er da ist. Er kann die Rolle mit dem Ducttape halten, mit dem du dich zusammenflickst. 

Was ein Partner nicht kann? Dich heilen. Dich retten. Dich tragen. Er glaubt das vielleicht. Du glaubst das ganz sicher. Du brauchst nur jemanden der dich liebt, dann wird schon alles wieder. 

Babe, du hast schon Recht. Aber nicht ein Partner ist das Ziel. DU bist der Schlüssel. Abgedroschen und nervig wie es klingt. Lerne, mit dir allein sein zu können. Lerne, dich selbst zu lieben. Höre auf dich. Kenne deine Grenzen. Kommuniziere deine Grenzen. Lass nicht zu, dass du dich nur vollkommen fühlst, wenn du zu zweit (oder zu dritt, viert, unendlich) bist. 

Ich habe zwei komplette Jahre damit verbracht, mich kennenzulernen. Auf meinen Körper, mein Gefühl, meinen Bauch zu hören. Ich weiß jetzt, dass ich niemanden brauche, der mich heilt. Oder komplettiert. Sondern jemanden, der mein Gleichgestellter ist. Der mich hält, aber den ich auch halten kann. Weil weißt du, ich kann das jetzt. Ich kann auch jemanden halten, und das habe ich nur gelernt, weil ich erstmal mich selbst gehalten habe. 

Danke. 

Rant VI

Das ist so die Sache mit dem Vertrauen. Man hat so ein Gefühl und dann traut man sich nicht, so ganz loszulassen, dieses Seil an dem der Selbstschutz hängt. Und manchmal trifft man Menschen, da weiß man einfach, dass man komplett loslassen kann.

Du warst so jemand. Du hast gemacht, dass ich mein Rettungsseil loslasse und dir alle meine Unsicherheiten serviere. Du hast gemacht dass ich mein Herz aus seinem Schutzpanzer entkommen lasse und du hast dafür gesorgt, dass ich dir vertraue.

Wie leicht ist es gewesen? Du hast genau die richtigen Dinge gesagt und warst genau richtig schwach und genau richtig stark. Und dann hast du mein Rettungsseil verbrannt und mein Herz, dass durch den Schutzpanzer doch keine Hornhaut hatte, einfach pulverisiert.

Wofür, würde ich gern wissen. Hast du überhaupt mal irgendwann die Wahrheit gesagt oder wolltest du einfach nur ficken? Ich würde es so gern wissen, aber ich bin es dir nicht mal wert, mich abzuschießen.

Keine Antworten geben, weil man ja keine Verpflichtungen hat. Du hast so auf schwach und gebrochen gemacht, dass ich wirklich in Sorge war, dir wäre was passiert. Aber eigentlich bist du einfach nur ein Arschloch, habe ich heut erfahren. Dir geht es anscheinend gut. Dass du mich in meinem Leben ungefähr siebentausend Schritte zurückgeführt hast, ist dir wohl egal. Hauptsache, ich hab die Beine breit gemacht.

Danke du Arschloch, dass du dem nächsten vielleicht guten Mann die Chance nimmst, mich kennenzulernen. Ich hoffe du hast für immer Schluckauf.

Ugh.

Wisst ihr was scheiße ist? Liebeskummer ist scheiße. Kackscheiße. Richtig riesengroßer Mist. Und ja, das wird ein Blogeintrag, in dem ich sehr viel fluchen und rumjammern werde.

Jeder, der schon mal verlassen wurde, weiß, wie absolut beschissen es ist, wegen eines anderen Menschen traurig zu sein. Das erste Mal ist das schlimmste. Ich weiß es noch, als wäre es gestern gewesen, obwohl es dieses Jahr neun Jahre her ist. Ich habe meinen damaligen Freund angerufen, wie jeden Abend. Wir haben eine Fernbeziehung geführt, Hannover – Hamburg. Er klang komisch, das weiß ich noch. Unsere Beziehung war kompliziert, natürlich. Ich fragte ihn, ob es ihm gut gehe. Er antwortete: „Ja. Dir aber sicher gleich nicht mehr. Ich verlasse dich wegen [Mädchen XY].“Ich habe einfach aufgelegt. Ich habe aufgelegt, geweint, meinen beste Freund angerufen, geweint, meinen Ex angerufen, ihn angeschrien, geweint und immer noch mehr geweint. Wie viele Tränen sind in einem Menschen? Noch nie bin ich so unendlich verletzt und traurig gewesen. Ich wusste nicht, dass einem das Herz wirklich so wehtun kann. Nicht psychisch, sondern physisch. Es fühlte sich an, als hätte mir jemand einen eiskalt gefrorenen Stab mitten in die Brust gerammt.

Jeder sagt dir, dass es irgendwann vorbei ist. Jeden Tag wird es ein bisschen besser, ohne dass man es merkt und irgendwann wachst du morgens auf und hast nicht mehr das Gefühl, vor Sehnsucht zerrissen zu werden. Wenn man das allererste Mal Liebeskummer hat, glaubt man das nicht. Niemand hat je den Schmerz gefühlt, den man in dem Moment fühlt. Niemand versteht, wie man leidet. Bis man irgendwann morgens aufwacht und nicht mehr das Gefühl hat, vor Sehnsucht zerrissen zu werden. Wirklich, Liebeskummer geht vorbei. Manchmal dauert er viel zu lange, aber irgendwann geht es vorbei. Das weiß ich. Das weiß jeder, der schon mal Liebeskummer überstanden hat.

Neun Jahre lang habe ich jeden Kummer ausgehalten. Klar, das war nicht nur Liebeskummer. Aber es war häufig Liebeskummer. Ich bin ein sehr emotionaler Mensch. Irgendwo hab ich schon mal geschrieben, dass ich mich häufig verliebe. Ich möchte das revidieren – ich verknalle mich häufig. Ich verliebe mich selten. Ich habe mich letzten Oktober das erste Mal seit drei Jahren wieder richtig verliebt. Mit allem. Pauken, Trompeten, Geigen im Himmel und sowas allem. Und wisst ihr, je älter ich werde, desto doller verliebe ich mich. Ich plane die Zukunft, ich denke übers Heiraten nach, also nicht wirklich, aber ich will mich nicht mehr in Menschen verlieben, mit denen ich mir nicht vorstellen kann, gemeinsam alt zu werden.

Ich will gern gemeinsam alt werden. Ich will den ganzen Scheiß, den man haben kann. Häuschen im Grünen, Hund und weißen Gartenzaun. Wenn alles gut läuft, ein oder zwei Minis, die mit dem Hund im Garten spielen. Ich werde dreißig, anscheinend steigt mit wachsendem Alter auch die Spießigkeit. Okay, ich kann damit dealen.

Wisst ihr, womit ich nicht dealen kann? Dass ich jetzt schon WIEDER Liebeskummer haben muss. Und wenn mich nicht alles täuscht, ist es noch nie so verschissen schlimm gewesen. Ich kann seit drei verdammten Wochen nicht mehr aufhören, in den dümmsten Situationen loszuheulen. Vielleicht, weil ich glaube ich dieses Mal wirklich nichts falsch gemacht habe. Ich weiß einfach nicht, warum manche Menschen kein Glück festhalten können. Okay, ihr habt bis hier her gelesen, ich muss mich kurz in Selbstmitleid suhlen. Ich hatte echt richtig Pech. Ich hab vielleicht nen schlechten Geschmack, aber ich hatte einfach auch so viel Pech. Ich bin echt kein schlechter Mensch, ehrlich nicht. Ich bin gepflegt, ganz schlau, seh okay aus, bin warmherzig und empathisch, sagt man mir nach. Ich will das teilen! Ich habe zwei verdammt lange Jahre gebraucht, um den letzten Mann zu finden. Ich kann nicht mehr. Ich kann nicht noch länger warten und ich kann nicht noch tausend Mal diesen ganzen Kram mitmachen. Wisst ihr, diese Verknalltheit, der Himmel ist blau und alles voller piepsender Vögel und sowas, irgendwie holt man irgendwo noch ein bisschen Hoffnung hervor, die durch Küsse und nächtliche Anrufe gestärkt wird. Das ist so das Ding mit der Hoffnung, sie wächst recht schnell, wenn sie erstmal aus der Versenkung gekommen ist. Und dann kommt das eigentliche Problem: Es tut noch viel mehr weh, wenn sie wieder in die Versenkung verschwinden muss. Ich weiß nicht, wie oft ich das noch mitmachen kann. Ich hoffe jedes Mal, dass das nächste Mal das letzte Mal ist. Vielleicht war es aber auch jetzt das letzte Mal und ich vergrabe die Hoffnung auf mein verschissenes Happy End einfach ganz unten im Tresor, da, wo niemand hingucken kann. Wo ich sie vielleicht nie mehr wiederfinde. Keine Ahnung, ich sags euch, wenn ich aufhören kann, zu weinen.

Rant V

Leute. 

Wann haben wir angefangen, uns für unsere Gefühle zu schämen? Ich will nicht als Aufhänger für meinen Post nehmen, was gestern Abend in Berlin passiert ist. Aber ich habe sofort an ungefähr fünfzehn Menschen gedacht, die ich sofort fragen musste, ob es ihnen gut geht. Weil sie mir am Herzen liegen. 

Und dann habe ich heute mit meiner ältesten Freundin darüber gesprochen, wie schnell alles zu Ende sein kann. Wie schnell ist jemand weg, von dem man dachte, dass er* für mindestens immer im Leben bleibt. 

Und darüber, dass sich niemand traut, zu seinen Gefühlen zu stehen, weil man sich damit so verletzlich macht. Wann hat das angefangen? Ab wann konnte man nicht mehr einfach sagen, dass man jemanden mag? Im Kindergarten habe ich meine damalige beste Freundin kennengelernt, weil sie coole Sandförmchen hatte und ich daraufhin sagte “ich will gern deine Freundin sein.” Zack bam. Freunde. 

Heute, in einer Welt die sowieso viel zu wenig Liebe beinhaltet, in der Menschen auf einem Weihnachtsmarkt sterben, Botschafter erschossen werden und Kinder elternlos aus ihrem Land fliehen müssen, ist es anscheinend ein Ding der Unmöglichkeit, seinen Nächsten zu lieben. Scheiß egal, ob ich jetzt an Gott glaube oder nicht, ich wünschte, es wäre viel normaler, nett und freundlich zu seinen Mitmenschen zu sein. 

Und wieso muss ich Angst haben, jemandem zu sagen, dass ich in ihn verliebt bin? Ist es nicht das größte Kompliment auf der Welt, dass jemand all deine Macken kennenlernen will und bereit ist, sich festzulegen? Wieso müssen wir so viel Angst haben, schwach zu sein? Wieso werden Gefühle als Schwäche ausgelegt? Ich bin im letzten Jahr persönlich so gewachsen und weiß, dass es ein großer Kraftakt ist, Gefühle überhaupt zuzulassen und zu fühlen. Wirklich zu fühlen. Alles. Und deshalb lasse ich zu, dass ich traurig bin. Dass ich Angst habe vor der Weltentwicklung im nächsten Jahr. Dass mein Herz sich gerade anfühlt, als wäre es entzwei gerissen worden und ich manchmal gar nicht weiß, wohin mit all der Wut und der Angst und der Traurigkeit, die sich gerade aus verschiedensten Gründen in mir breit macht. 

Aber ich werde mich nie wieder schämen, Gefühle zu gestehen. Ich sage meiner Familie und meinen Freunden jeden Tag, dass ich sie liebe. Es kann alles so schnell vorbei sein. Seid freundlich zueinander. Verbreitet ein wenig Liebe. Lächelt eine*n Fremde*n an. Tut euch was gutes. Nicht nur weil Weihnachten ist, sondern weil wir es alle brauchen. 

Genug.

Manchmal reicht es nicht. Manchmal kann man alles richtig machen und es reicht einfach nicht. 

Gebe ich zu schnell auf? Vielleicht. Vielleicht erkenne ich aber auch nur meine Grenzen und weiß irgendwann, dass es mir nicht reicht, immer nur zu geben. 

Vielleicht hab ich schon wieder zu schnell mein Herz verschenkt. Vielleicht war ich schon wieder zu viel oder zu fordernd, aber hey, ich werde auch nicht jünger. Ich habe so oft diese Betthäschennummer durchgezogen und jedes Mal verloren. Du hast mir Hoffnungen gemacht, dass du mir Sicherheit bieten kannst. Du hast mich angesehen, als wäre ich der Hauptgewinn. Du hast mir hundert Mal gesagt, dass es nicht an mir liegt, und das glaube ich dir. Du hast gesagt, dass ich jemand besseren verdient habe. 

Und weißt du was? Das habe ich. Ich weiß, was ich will. Ich wollte dich, ich habe so sehr gekämpft. Ich habe alles getan, um dir Sicherheit zu geben und trotzdem Freiraum zu lassen. Ich habe schon so viel um dich geweint und bin trotzdem nicht stark genug, dich loszulassen. 

Ich muss dich loslassen. Ich muss dich loslassen. Ich weiß nicht wie. Ich brauche dich, ich brauche so sehr jemanden, der mich in den Arm nimmt und mich in den Schlaf schmust und der meine Hand nimmt und sich in meinen kleinen Weirdheiten verliert. 

Ich könnte eine Liste machen mit Punkten, die ich an dir liebe. Ich weiß nicht mal, ob du meine Augenfarbe kennst. Du weißt nicht, ob du in mich verliebt bist, aber wirst ganz still, wenn ich jemand anderen daten will. 

Ich habe nicht alle Stricke zu dir gekappt, es gibt immer noch ein kleines, dünnes Seil, dass die Verbindung zu dir hält. Vielleicht hältst du dich auch noch daran fest, weil du weißt, dass ich in einem anderen Leben die perfekte Frau für dich wäre. Bitte lass mich gehen, ich mag dich viel zu sehr. 

Blitz.

Erst denkt man, man kann sich nie wieder verlieben. Und plötzlich trifft es einen wie ein Blitz aus heiterem Himmel, und so ausgelutscht und langweilig die Metapher auch klingt, ist es doch die passende. 

Erst sitzt man noch zu Hause, kaltherzig und allein, zufrieden mit der Einsamkeit, die man sich ausgesucht hat. Niemand kann einen treffen, niemand kann einen verletzen, die Mauer ist hoch und fest und extra verstärkt mit Stacheldraht. Vielleicht hat sich das Herz gerade erst erholt, vielleicht muss man sich nach einer langen Phase, in der man in dunklen, kalten Wassern geschwommen ist, erstmal an die Wärme der Sonne erinnern. 

Aus Langeweile lädt man eine Dating-App. Aus Langeweile beantwortet man 400 Fragen zu sich selbst, und aus Langeweile wird man angeschrieben, weil man interessant wirkt. Man trifft sich, man unterhält sich, man hält Händchen und küsst sich. Man redet. Man lernt sich kennen und auf einmal geht das Herz auf. Die Mauer bricht zusammen, man teilt Erfahrungen, flüstert sich Wahrheiten zu, während man engumschlungen die Wärme des anderen aufsaugt. 

Auf einmal bin ich wie roh. Alles voller Gefühle und ich habe doch nochmal mein Herz geöffnet. Aus Versehen, das war so nicht geplant. Ich bin doch nicht so weit. Ich bin doch noch viel zu fragil. Aber du bist es auch. Du bist sogar fragiler als ich. Ich leide ständig unter der Angst, dich sofort wieder zu verlieren. Ich vermisse dich nach vier Tagen so sehr, dass es wehtut. Du hast mir versichert, dass alles gut ist, dass du ein wenig Zeit brauchst, weil du immer noch manchmal versuchst, nicht unterzugehen. Weil dein Kopfteufel noch so aktiv ist, wie meiner vor einem Jahr. Ich will dir so gern sagen, dass ich dich halten kann. Ich kann dein Rettungsring sein. Wir können uns gegenseitig über Wasser halten. 

Ich will dir so gern sagen, dass ich so verliebt in dich bin, dass ich deinen Geruch vermisse und wie du an meinen Haaren riechst, wenn du mich im Arm hältst. Ich habe solche Angst, dass du keine Kraft zum Schwimmen hast. Ich kann dich über Wasser halten, aber ich kann dich nicht vorm Ertrinken retten. Ich weiß einfach genau, wie du dich fühlst. Ich weiß auch, dass du ein bisschen Zeit brauchst. Ich versuche, sie dir zu geben. Aber bitte bitte, lass mich nicht allein. 

Betty.

Ich wäre gern ein bisschen mehr wie Betty*. Betty ist Mitte bis Ende Zwanzig und seit mehreren Jahren mit Alex zusammen. Oder Basti, oder Georg*. Sie hat Alex-Basti-Georg damals in der Schule kennengelernt, als sie vom Klassen- in den Kursverband gewechselt ist. Oder vielleicht hat sie ihn auf Tinder kennengelernt, nachdem sie sich von Georg 1 getrennt hat. Da wollte Betty ein bisschen wild sein und online daten. Dabei hat sie aber direkt Alex-Basti-Georg kennengelernt, der sich schon während des ersten Dates als Traummann entpuppte.

Betty und der Traummann wohnen in einer hübschen 4-Zimmer Wohnung mit Balkon in einer soliden Kleinstadt, oder in Pinneberg. Vielleicht haben sie aber auch aus dem gemeinsam Ersparten schon ein kleines Häuschen gekauft, es zusammen in Handarbeit renoviert und sehr wohnlich gemacht. Natürlich erst nach der Hochzeit. Oh, die Hochzeit von Betty und Alex-Basti-Georg war sehr schön. Jeder hat ein bisschen geweint, sie sah in dem weißen Kleid wie eine Prinzessin aus und den Babybauch hat man auch kaum gesehen. Vielleicht ist sie aber auch erst nach der Hochzeit schwanger geworden, wie sich das gehört.

Betty ist momentan zu Hause, weil sie sich um den Kleinen kümmert. ABG geht arbeiten, er ist Beamter oder macht was mit Versicherungen oder vielleicht ist er bei der Marine. Abends steht das Essen auf dem Tisch, der Kleine ist gesäubert und grinst den Papa fröhlich an, der ihm dann vor dem Zubettgehen noch eine Geschichte vorliest. Danach schauen Betty und ABG ein wenig ZDF oder Arte, ab und zu gönnen sie sich ein paar Folgen einer Serie bei Netflix. Dazu gibt es ein Glas Wein und einen Schokoriegel, aber nur einen – Betty hat nach der Schwangerschaft noch nicht alles Gewicht wieder verloren. Natürlich sieht sie dennoch umwerfend aus. Sie kann es sich nicht erklären, aber während sie schwanger war, wurden ihre Haare voller, die Zähne weißer und das Lächeln einfach strahlender.

Zu ihren Füßen liegt natürlich ein Hund. Ein Golden Retriever oder ein Labrador, oder vielleicht ein Pudel, die haaren ja nicht so. Wenn der Film vorbei ist, gehen Betty und ABG in ihr schönes, frisch bezogenes Ehebett und versuchen sich an Kind 2. Eine solide, vernünftige Nummer, die im Schnitt so sieben Minuten dauert. Früher hatten sie natürlich mehr Sex, aber jetzt mit dem Kind und ABGs vieler Arbeit reicht es den beiden ein- bis zweimal die Woche.

Ich bin ein bisschen neidisch auf Betty. Sie ist nämlich komplett zufrieden. Sie geht zum Muttiyoga, hat ein paar Freundinnen aus ihrer Stillgruppe und hat den Mann ihrer Träume geheiratet. Sie streiten sich natürlich ab und zu mal, aber sie gehen nie wütend ins Bett. Jeden Morgen verabschieden sie sich mit einem Kuss, weil man ja nie weiß, ob man sich nochmal wieder sieht. Das Geld ist da, nicht im Überfluss aber für das neue Auto und den Jahresurlaub reicht es auf jeden Fall. Außerdem kann Betty sogar im Biomarkt einkaufen gehen, das war immer ihr Traum. Betty hat alles.

Ich wäre gern ein bisschen mehr wie Betty. Aber ich bin so wie ich. Ich habe eine abgeschlossene Ausbildung, ein abgebrochenes Studium, zwei mehr oder weniger vernünftige Jobs, keinen Mann, keinen Hund, kein Baby und kein Haus. Ich habe einen Kater, den ich vergöttere, eine Familie, die ich liebe und eine WG, die mich in den Wahnsinn treibt (und die ich auch sehr liebe). Meine Freunde sind deutschlandweit verstreut und ich schreibe meine Gefühle ins Internet. Ich habe schon mehr als drei Tage am Stück damit verbracht, Netflix zu schauen.

Ich hatte guten Sex mit Männern, die schlecht für mich waren und schlechten Sex mit Männern, die gut für mich wären. Ich habe schon mal überlegt mir das Leben zu nehmen und mich dagegen entschieden. Ich hab mich immer viel zu schnell und zu doll verliebt und mir immer viel zu schnell und zu doll das Herz brechen lassen. Ich habe entschlossen, mich nie mehr zu verlieben und den Entschluss wieder verworfen. Ich mag Sex, Küsse im Regen und Männer mit großen Händen. Ich rauche gern, trinke selten aber dafür richtig. Ich bin laut und rede gern, meine Stimme ist eigentlich zu tief für ein Mädchen und meine Lache klingt wie ein rostiger Trecker. Mein Leben ist ein stetiges Auf und Ab, ich weiß nie, was mich am nächsten Tag erwartet. Ich habe sehr viel Zeit damit verbracht, jemand anders sein zu wollen.

Vielleicht ist es an der Zeit, ich selbst zu sein.

 

 

*Alle Namen sind natürlich frei erfunden